Blog: Dezember 2025
Selbstwert
Der bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul sagte einmal „Die Gesellschaft hat ein Selbstwertproblem.“ und auch die Forschung zeigt, dass mangelnder Selbstwert sehr weit verbreitet ist, so haben etwa 80% der Menschen, die ambulante Beratung oder Psychotherapie in Anspruch nehmen ein Problem damit ihren eigenen Wert zu erkennen. Das war für mich ein wichtiger Beweggrund, die Abschlussarbeit meiner systemischen Ausbildung zum Thema Selbstwert zu verfassen. Dabei bin ich darauf gestoßen, dass selbst Fachleute die Begriffe „Selbstwert“, „Selbstvertrauen“, „Selbstbild“ und „Selbstwirksamkeit“ oft durcheinander bringen, daher eine kurze Erklärung:
Selbstwert ist einerseits das Wissen um die eigene Person, ihre Eigenschaften und Fähigkeiten, als auch die Art wie man sich diesbezüglich fühlt.
So ist ein mittlerer Bildungsabschluss ein objektiver Fakt, ob wir uns damit zufrieden und erfolgreich, oder am hohen Bildungsabschluss gescheitert fühlen unsere Art diesen objektiven Fakt für uns objektiv zu interpretieren.
In den meisten Fällen stehen uns aber keine objektiven Bewertungen zur Verfügung, sondern sie beziehen sich auf den Kontext: schmeckt unserer Familie das selbst zubereitete Essen, so können wir uns getrost als gute KöchIn bezeichnen, auch wenn wir es mit einem Sternekoch nicht aufnehmen könnten – das müssen wir nämlich nur selten bis garnicht.
Doch nur den wenigsten Menschen genügt die Wertschätzung ihrer nähesten Bezugspersonen um sich wirklich wertvoll zu fühlen. Intuitiv beziehen wir in unsere Bewertung auch gesellschaftliche Aspekte mit ein, die sich häufig auf Wissen, Leistung und Beliebtheit beziehen. Schön und gut also, dass wir unsere Familie mit köstlichen Speisen versorgen, aber sind wir auch gebildet? Wie steht es um unsere Karriere? Wer liebt uns und wie sehr?
Solche Fragen drohen uns schnell in ein Hamsterrad zu ziehen, indem wir nie gewinnen können, weil wir niemals alles wissen, die beste Leistung bringen und von jedem gemocht werden können. Doch senkt das wirklich unseren Wert als Meschen? Natürlich nicht, doch häufig fühlt es sich im Alltag trotzdem so an. Warum das so ist zeigt uns ein Blick in die Medienwelt:
Wen bewundert unsere Gesellschaft? Es sind Menschen wie Elon Musk, den Erfinder von Tesla mit seiner 80h-Woche, Shirin David, die sich von Youtube in die Top10 der Musikcharts und das deutsche Fernsehen hochgearbeitet hat oder Markus Söder, der sich mit seiner Strategie, immer das zu sagen was die Wähler hören wollen häufig selbst widerspricht. Menschen die durch Leistung und/oder Beliebtheit an ihre Position gekommen sind und sich aus den selben Gründen dort halten können.
Und wen verachtet unsere Gesellschaft? Menschen die nichts leisten, wie Arbeitslose, die angeblich auf der faulen Haut liegen, Migranten, die angeblich kein Deutsch lernen und sich nicht integrieren, Übergewichtige, die angeblich zu faul für Sport und gesunde Ernährung sind, Suchtkranke, die doch einfach nur ein bisschen mehr Disziplin bräuchten um mit ihrer Sucht aufzuhören. Zum Teil wird bewusst mit der Angst vor Selbstwertverlust gearbeitet: Politiker schimpfen über „Totalverweigerer“ und wollen ihnen auch noch den letzten Cent wegkürzen und frische Schulabgänger skandieren: “Ohne Abi landest du bei Mäc!“ rund um ihre Schule.
Dagegen setzen Religionen wie das Christentum oder Philosophien wie der Humanismus den bedingungslosen Wert des Menschen, der sich alternativ auf die Schöpfung des Menschen nach Gottes Ebenbild oder die Einzigartigkeit der menschlichen Lebensform mit all seinen Fähigkeiten und Schwächen gründet.
Für die Ikone der systemischen Therapie, Virginia Satir, ist die Vorstellung vom eigenen Wert der entscheidende Faktor dafür, was sich in einem Menschen abspielt. Menschen mit einem insgesamt guten Selbstwertgefühl glauben ihrer Erfahrung nach an ihre Fähigkeiten, können leicht um Hilfe bitten und den Wert ihrer Mitmenschen erkennen und respektieren. Sie strahlen Vertrauen, Hoffnung, Liebe, Integrität, Leidenschaft und Verantwortlichkeit aus.
Ein gutes Selbstwertgefühl stellt bei verschiedenen Lebensproblemen und psychischen Erkrankungen und insbesondere bei der Entwicklung von Depressionen einen schützenden Faktor dar.
Eine deutschlandweite repräsentative Befragung belegt den Zusammenhang von Selbstwert und Gesundheit (physisch und psychisch). Menschen mit einem hohen Selbstwert scheinen also auch gesünder zu sein.
Mehr als ein guter Grund am eigenen Selbstwertgefühl zu arbeiten und öfter Mal auf die eigenen Stärken zu blicken: Was liegt Ihnen? Was können Sie besser als andere? Wobei fühlen Sie sich stark?
Pflegen Sie diese Gedanken und sagen Sie sich am besten täglich wie gut sie sind. Schon nach kurzer Zeit werden sie merken, dass sich Ihr Wohlbefinden und Ihre Zuversicht verbessern und Fehler sie weniger runterziehen.